Neujahr: Kein neues Ich – nur ein ehrlicheres
Der 1. Januar hat diesen besonderen Duft aus Kaffee, Restglitzer und leisen Schuldgefühlen. Wir wollen „neu starten“ – und stehen innerlich doch oft wie vor einer endlosen To-do-Liste: besser sein, ruhiger sein, konsequenter sein, liebevoller sein, sportlicher sein (und bitte dabei auch noch gut aussehen). Dieser Artikel ist eine Einladung, den Spieß umzudrehen: Nicht du musst neu werden. Du darfst echter werden. Und genau darin liegt die Art von innerer Ruhe, die dich als Mutter oder Vater trägt – auch dann, wenn das Kind laut ist und dein Nervensystem schon im Feierabend-Modus hängt.
Darum geht es in diesem Artikel
Warum der 1. Januar uns so oft in Selbstkritik statt in Verbindung katapultiert
Wie Grübeln über Vergangenheit und Zukunft Energie frisst – und Nähe verhindert
Was „im Hier und Jetzt leben“ für Eltern wirklich bedeutet (Spoiler: nicht Zen im Schneidersitz)
Wie du mit Schuldgefühlen und innerem Druck gleichwürdig umgehen kannst – auch dir selbst gegenüber
Warum Körperwahrnehmung dein unterschätzter Reset-Knopf ist
Mini-Routinen für Präsenz im Familienalltag: zwischen Brotdose, Konferenzcall und Wutanfall
Der 1. Januar: der Tag, an dem wir uns selbst ein Upgrade verkaufen wollen
Neujahr ist wie ein stiller Deal mit uns selbst: „Wenn ich mich nur genug anstrenge, wird dieses Jahr leichter.“
Und ich verstehe das. Wirklich. Gerade wenn du – wie viele meiner Leserinnen – ein Leben führst, das nach außen glänzt und nach innen manchmal knirscht.
Da ist die berufstätige Mutter in der Großstadt, die ihre Termine so elegant jongliert wie andere ihre Cocktailshaker. Da ist das Kind, das „ausgerechnet heute“ einen emotionalen Sturm fährt. Da ist der Partner, der im Modus „Ich muss noch kurz…“ lebt. Und da bist du – irgendwo zwischen Skincare-Routine und dem Wunsch, einmal nicht die emotionale Leitung der ganzen Familie zu sein.
Und dann kommt dieser 1. Januar. Und mit ihm die große Frage:
„Was wäre, wenn ich es dieses Jahr endlich richtig mache?“
Das Problem: Diese Frage klingt motivierend, trägt aber oft einen Stachel in sich. Denn „richtig“ heißt im Unterton: Bisher war es falsch.
Und da beginnt der Energiebrand.
Grübeln ist wie ein offenes Tab im Kopf – es frisst Akku, ohne etwas zu laden
Viele von uns werden geplagt von negativen Gefühlen, Gewissensbissen oder Ängsten. Wir drehen Szenen zurück wie Serienfolgen:
„Warum habe ich damals nicht…?“
„Warum habe ich gestern nicht…?“
„Was, wenn morgen…?“
Das ist menschlich. Aber es ist auch teuer. Nicht finanziell – nervlich.
Denn während dein Kopf in Vergangenheit und Zukunft unterwegs ist, passiert etwas im Hier und Jetzt:
Dein Kind schaut dich an.
Du atmest flach.
Dein Körper sendet leise Signale.
Und deine Beziehung – zu dir selbst und zu den Menschen, die du liebst – wartet im Vorzimmer.
Wenn wir uns innerlich beschimpfen („Ich kriege das nicht hin, ich bin zu ungeduldig, ich müsste doch…“), verfeuern wir Energie, die wir dringend für etwas anderes bräuchten: Präsenz.
Nicht als spirituelles Ideal. Sondern als ganz praktisches Elterntool.
„Im Hier und Jetzt“ klingt nach Räucherstäbchen – ist aber eigentlich Elternrealismus
Lass uns das entmystifizieren: In der Gegenwart zu leben heißt nicht, dass du nie mehr an gestern denkst oder nie mehr planst. Du bist keine Goldfisch-Mama mit Drei-Sekunden-Gedächtnis.
Es heißt etwas viel Bodenständigeres:
👉 Du bist für diesen Moment verfügbar.
Für dich. Für dein Kind. Für das, was jetzt wirklich dran ist.
Denn unser Leben besteht nicht aus „irgendwann“. Es besteht aus Jetzt-Momenten. Auch dein Familienleben. Auch deine großen Themen: Bindung, Wut, Nähe, Integrität.
Und genau hier wird es interessant: Wenn du im Kopf schon beim nächsten Gespräch, der nächsten Deadline oder dem nächsten Erziehungsproblem bist, verpasst du den Moment, in dem Verbindung überhaupt entstehen kann.
Verbindung braucht Präsenz – wie ein gutes Dinner Zeit braucht. Du kannst keinen Sterne-Abend in der Mikrowelle machen. (Und ja, manchmal fühlt sich Elternschaft an, als würde man täglich eine Degustation aus Nudeln, Emotionen und Excel servieren.)
Die große Illusion: „Wenn ich alles im Griff habe, habe ich Frieden“
Viele von uns glauben: Innerer Frieden kommt, wenn alles passt. Wenn die Wohnung ordentlich ist, die Kinder kooperieren, der Kalender Luft hat, die Partnerschaft romantisch ist, wir Sport machen und dabei bitte nicht wie ein erschöpfter Waschbär aussehen.
Und dann kommt das Leben – mit einem Kind, das morgens keine Socken erträgt, weil die Naht „schreit“. Oder mit einem Teenager, der dich anschaut, als wärst du eine App, die dringend ein Update braucht.
Innerer Frieden entsteht nicht dadurch, dass nichts mehr schwierig ist.
Sondern dadurch, dass du nicht gegen jeden schwierigen Moment innerlich Krieg führst.
Schmerz ist oft Widerstand – und Widerstand fühlt sich an wie „Das darf nicht so sein“
Manchmal fühlen wir Schmerz im Jetzt – körperlich oder emotional. Trauer, Überforderung, Angst, Wut. Und ja: Es gibt Schmerzen, die schlicht da sind. Verlust. Enttäuschung. Erschöpfung.
Aber ganz oft wird Schmerz stärker, weil ein zweiter Satz dazukommt:
„Das darf nicht so sein.“
„Ich müsste doch…“
„Mein Kind müsste doch…“
„Wir sollten doch…“
Dieser innere Widerstand ist wie Sand im Getriebe. Er macht alles lauter, schwerer, dramatischer.
Wenn dein Kind ausrastet, ist die Situation schon herausfordernd. Aber was uns wirklich die Beine wegzieht, ist oft der innere Kommentar:
„Das ist nicht normal.“
„Andere kriegen das hin.“
„Ich bin keine gute Mutter, wenn…“
Und zack – aus einer Situation wird ein Selbstwert-Drama.
Der „Schmerzkörper“? Nenn ihn ruhig: das alte Gepäck, das bei jeder Kleinigkeit aufspringt
In deinem Text steckt ein starkes Bild: dass sich negative Gefühle sammeln können, bis sie sich anfühlen wie ein eigener Anteil, der „übernimmt“. Ich würde es im Familienalltag so übersetzen:
Es gibt Momente, da reagierst du nicht nur auf die heutige Socken-Diskussion –
sondern auf alle Socken-Diskussionen seit 2016, plus die Mobbinggeschichte aus der Schule, plus die drei Nächte zu wenig Schlaf, plus den Blick deiner Schwiegermutter an Weihnachten.
Dieses Paket springt auf, wenn dein Nervensystem ohnehin schon am Limit ist. Und dann passiert es: Du bist nicht mehr ganz im Heute, sondern im alten Film.
Die gute Nachricht: Du kannst lernen, den Moment zu erkennen, bevor dich der Film vollständig übernimmt.
Nicht mit Perfektion. Mit Bewusstheit.
Das Ego im Familienalltag: dieser kleine innere Chef, der immer recht haben will
Dein Ursprungstext spricht vom „Ego“ als einem Teil des Verstandes, der unbewusst steuert und Konflikte nährt. Übersetzt in Küche-und-Kinderzimmer-Sprache:
Das Ego ist die Stimme, die sagt:
„Ich muss gewinnen.“
„Ich darf nicht nachgeben.“
„Wenn mein Kind so mit mir redet, verliere ich meine Autorität.“
„Das sieht sonst nach außen schlecht aus.“
Das Ego liebt Kontrolle, weil Kontrolle sich nach Sicherheit anfühlt. Das Problem: Beziehung lässt sich nicht kontrollieren. Beziehung lässt sich nur pflegen.
Wenn zwei Egos aufeinandertreffen – Mutter-Ego („So geht man nicht mit mir um!“) und Kind-Ego („Du bestimmst nicht über mich!“) – dann geht’s los: Machtspiele, Trotz, Eskalation.
Und plötzlich streitet ihr über den Abwasch, aber eigentlich geht es um Würde.
Hier passt die Haltung von Jesper Juul wie ein guter Mantel im Januar: Gleichwürdigkeit.
Nicht „alle dürfen alles“. Sondern: Jeder Mensch in dieser Familie hat Würde – auch im Konflikt.
Das beginnt damit, dass du deine eigenen Grenzen klar ausdrückst und gleichzeitig die Grenzen deines Kindes wahrst. Ohne Abwertung. Ohne Drama. Mit Klarheit.
Präsenz ist nicht nett – Präsenz ist Führung
Viele Eltern verwechseln Präsenz mit „lieb sein“. Präsenz ist aber nicht Zuckerwatte. Präsenz ist Stabilität.
Stell dir vor, dein Kind ist in einem emotionalen Sturm. Wut, Frustration, Tränen. Das Gehirn ist im Alarmmodus, rationales Denken geht auf Tauchstation.
In solchen Momenten braucht dein Kind nicht deine perfekte Argumentation. Es braucht dich als sicheren Hafen.
Und du brauchst dich selbst als sicheren Hafen.
Das heißt ganz konkret:
langsamer werden, nicht schneller
weniger Worte, mehr Haltung
nicht persönlich nehmen, was dein Kind in der Not sagt
anerkennen, was ist, bevor ihr Lösungen sucht
(Anerkennung heißt nicht „einverstanden“. Anerkennung heißt: „Ich sehe, wie schwer es gerade für dich ist.“)
Der Körper: dein ehrlicher Kompass, wenn der Kopf wieder Theater spielt
Der Kopf ist ein brillanter Planer. Und ein miserabler Lebensraum.
Der Körper dagegen ist oft schon längst da, bevor du es merkst:
Kiefer fest
Schultern hoch
Atem flach
Bauch eng
Herz schneller
Wenn du am 1. Januar einen echten Reset willst, dann nicht „ab morgen mehr Disziplin“. Sondern: mehr Körperkontakt mit dir selbst.
Nicht im Sinne von Wellness-Perfektion. Sondern als Mini-Check-in:
„Wo bin ich gerade – wirklich?“
Mini-Übung: 15 Sekunden Gegenwart (ja, das reicht)
Stell beide Füße auf den Boden.
Spür drei Atemzüge.
Benenne innerlich: „Ich bin hier.“
Spür eine Körperstelle, die Kontakt hat (Fußsohle, Rücken am Stuhl, Hand am Becher).
Das ist kein Hokuspokus. Das ist Nervensystempflege.
Und sie macht dich in Konflikten handlungsfähiger.
„Was wird mein nächster Gedanke sein?“ – die Übung gegen das Kopf-Karussell
In deinem Text steckt eine schöne kleine Intervention: sich beim Denken beobachten. Das ist wie ein inneres Licht anschalten, bevor man wieder im Dunkeln über Spielzeug stolpert.
Frag dich für einen Moment:
„Was wird mein nächster Gedanke sein?“
Wenn du wirklich lauschst, entsteht oft eine kleine Lücke. Und in dieser Lücke ist Raum: für Atem, für Wahlmöglichkeiten, für Humor.
Und Humor ist im Familienalltag kein Luxus. Humor ist Überlebensstrategie mit Stil.
Aktives Warten: die Königsdisziplin für Eltern zwischen „gleich geht’s los“ und „ich muss noch“
„Aktives Warten“ klingt erstmal wie eine Wartezimmer-Philosophie. Aber ich liebe das Konzept für Eltern.
Es meint nicht: auf die Zukunft starren.
Es meint: wach im Moment sein, als könnte gleich etwas Wichtiges passieren. (Spoiler: Es passiert. Immer. Meistens in Form eines Kindes, das „Mamaaa!“ ruft.)
Aktives Warten ist dieser Zustand, in dem du nicht im Handy versinkst, nicht im Kopf wegrennst, sondern innerlich sagst:
„Ich bin da. Ich bin bereit. Nicht perfekt. Aber präsent.“
Und weißt du, was das macht? Es verhindert nicht jeden Konflikt. Aber es reduziert die Eskalation, weil du früher merkst, was gerade kippt.
Beziehung statt Vorsatz: Wie Präsenz deine Partnerschaft und dein Elternsein verändert
Wenn wir in der Gegenwart leben, hören wir auf, den anderen ständig korrigieren zu wollen. In Partnerschaften bedeutet das:
weniger Interpretationen („Er macht das absichtlich…“)
mehr Wahrnehmung („Ich bin gerade verletzt / müde / überfordert.“)
weniger Machtspiel, mehr Mitgefühl
Aber Achtung: Präsenz kann auch Reibung erzeugen. Denn wenn du ruhiger wirst, fällt auf, wo es in Beziehungen bisher übertönt wurde. Das ist nicht „schlecht“. Das ist ehrlich.
Und ehrlich ist oft der Anfang von Nähe.
Präsenz heißt nicht Passivität: Du darfst handeln – nur ohne inneres Brennen
Ein Missverständnis: „Wenn ich akzeptiere, was ist, muss ich ja alles hinnehmen.“
Nein. Akzeptanz ist nicht Kapitulation. Akzeptanz ist Klarheit.
Wenn du im Matsch stehst, darfst du rausgehen. Nur eben ohne innerliches „Ich bin so dumm, dass ich da reingelaufen bin“-Feuerwerk.
Im Familienalltag heißt das:
Du darfst eine Situation beenden, wenn du merkst: Ich kann gerade nicht gut bleiben.
Du darfst sagen: „Stopp. Ich spreche weiter, wenn wir beide wieder atmen.“
Du darfst deine eigenen Grenzen klar ausdrücken und gleichzeitig die Grenzen deines Kindes wahren.
Präsenz macht dich nicht weicher. Sie macht dich wirksamer.
7 kleine „ehrlicheres Ich“-Rituale für den 1. Januar (und jeden Dienstag danach)
Hier kommen praxistaugliche Mini-Schritte – nicht als neue To-do-Liste, sondern als Einladung:
Der Anti-Vorsatz-Satz:
„Ich muss nicht neu werden. Ich darf mir näher kommen.“3 Atemzüge vor der Antwort:
Bevor du auf Kind/Partner/Chat reagierst: drei Atemzüge. Nicht immer. Aber öfter.Ein ehrliches Check-in am Spiegel:
Statt „Heute reiße ich mich zusammen“:
„Heute darf es menschlich sein.“Ein Präsenz-Anker im Alltag:
Kaffee riechen. Wasser fühlen. Hand auf Herz. Eine Minute echte Anwesenheit.Weniger Erklären, mehr Anerkennen (bei Kindern):
„Du bist gerade richtig wütend.“
„Das fühlt sich für dich unfair an.“
Erst danach: Lösungen.Abends: ein Satz Verbindung statt Analyse:
Nicht: „Was war heute wieder los?“
Sondern: „Was war heute schwer – und was hat uns gutgetan?“Der Mut zur Unperfektheit:
Wenn du ausgerastet bist:
„Das war zu viel. Es tut mir leid. Ich übe.“
Das ist echte Führung. Und echte Nähe.
Schluss: Kein neues Ich – nur ein ehrlicheres (und das ist mehr als genug)
Der 1. Januar ist nicht der Startschuss für ein besseres Ich. Er ist ein Portal für etwas viel Wertvolleres: ein ehrlicheres Ich.
Eines, das nicht alles im Griff hat, aber sich selbst nicht verliert.
Eines, das nicht jeden Konflikt verhindert, aber Beziehung über Rechthaben stellt.
Eines, das versteht: Präsenz ist kein Luxus. Präsenz ist Liebe in Alltagssprache.
Und wenn du heute nur eine Sache mitnimmst, dann vielleicht diese:
Du musst nicht optimiert ins neue Jahr. Du darfst verbunden ins neue Jahr.
Mit dir. Mit deinem Kind. Mit dem Leben, wie es gerade ist.
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